Wie wir arbeiten - ein Leitfaden für bewusste Begegnung
Vertrauen wächst durch Klarheit. Diese Seite legt unsere Haltung und Leitlinien offen: Was dich erwartet, welche Regeln gelten, wie wir mit Brüchen umgehen und was passiert, wenn jemand eine Grenze verletzt. Je nach Setting – Einzelsession oder Gruppe – gelten unterschiedliche Rahmenbedingungen. Beides findest du hier.
Was wir meinen, wenn wir von Sicherheit sprechen: Machtkritik und Verantwortung
"Notice that I did not (and never will) use the word 'safe'. Because safety is subjective. Facilitators cannot create safe spaces; it is up to each participant in any group to determine whether or not they feel safe to express themselves, and to what extent."
– Kelly L. Campbell
Sicherheit ist zutiefst subjektiv und untrennbar mit unseren Biografien und gesellschaftlichen Machtverhältnissen verwoben. Wer sich sicher fühlt, hat oft schlicht das Privileg, (noch) nicht (bewusst) mit struktureller Ausgrenzung und Gewalt konfrontiert gewesen zu sein.
In Räumen der Intimität reproduzieren sich oft unbewusst jene Dynamiken, die wir aus dem Alltag kennen. Statt die Illusion von «sicheren Räumen» zu verkaufen, streben wir bei Onda+Maré danach, belastbare Gefässe für Begegnung zu schaffen. Diese werden nicht dadurch belastbar, dass niemals Konflikte entstehen, sondern dadurch, dass wir die Integrität und die Werkzeuge haben, Brüche gemeinsam zu halten und zu klären.
Ein gemeinsamer Kompass: VISPER
In allen unseren Angeboten verpflichten wir uns auf sechs Haltungen – keine Checkliste, sondern eine Praxis, die wir immer wieder neu üben:
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V – Vertraulichkeit: Was im Raum geschieht, bleibt dort. Wir schützen die Geschichten und Prozesse der anderen wie unsere eigenen.
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I – Integrität: Wir stehen zu unserem Wort – gegenüber anderen im Raum und gegenüber unseren Beziehungen draussen. Was wir vereinbaren, gilt auch, wenn die Session vorbei ist.
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S – Selbstfürsorge: Du bist die oberste Instanz für dein Wohlbefinden. Das bedeutet: innehalten, Nein sagen, Pause machen, rausgehen. Selbstfürsorge ist hier keine private Angelegenheit – sie ist eine Form der Verantwortung gegenüber dem Raum und darf so aussehen, wie du es gerade brauchst.
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P – Präsenz: Wir forschen im Hier und Jetzt – wach, verkörpert, aufmerksam statt im Autopiloten der gewohnten Muster. Wir üben, die feinen Körpersignale zu lesen – bei uns selbst und bei anderen.
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E – Einvernehmlichkeit: Jede Interaktion basiert auf klarer, verbaler und/oder somatischer Verhandlung. Ein Vielleicht gilt als Nein.
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R – Repair-Bereitschaft: Die Bereitschaft, Brüche nicht zu übergehen, sondern aktiv zu klären, ist Voraussetzung für unsere Zusammenarbeit.
Workshops und Retreats: Rahmen & Vereinbarungen
Wie Gruppen kuratiert werden
Vertrauen in der Gruppe beginnt lange vor dem ersten Zusammentreffen. Je nach Format nutzen wir unterschiedliche Wege der Annäherung – z.B. einen schriftlichen Fragebogen oder ein persönliches Gespräch. Uns geht es darum zu verstehen, was dich bewegt und ob die nötigen Vorerfahrungen für das gewählte Setting vorhanden sind. Besonders bei emotional intensiven Formaten mit sexuellem Ausdruck ist diese Klärung Voraussetzung.
In der Ausschreibung findest du immer klare Angaben dazu, ob und wie sexuell ein Event ist, ob Nacktheit Bestandteil davon ist und ob emotional intensive Prozessarbeit auf dich zukommt. Regeln wie Substanzfreiheit sind ebenfalls Bestandteil der Ausschreibung.
Räume, in denen Sexualität und Intimität verhandelt werden, können intensive somatische und emotionale Prozesse auslösen. Wenn jemand in einer akuten psychischen Krise ohne therapeutische Anbindung steckt, unbearbeitete Traumata oder aktive Suchtthematiken ohne stabile Abstinenz mitbringt, dann können solche Räume manchmal mehr destabilisieren als nützen – und sind deshalb oft nicht der richtige Ort.
Personen, die in anderen Räumen wegen Grenzverletzungen ausgeschlossen wurden, finden bei uns keinen Platz.
Regeln und Gruppenkultur
Eine Regel, die immer gilt, ist die Regel der zwei Füsse: Du kannst jederzeit eine Situation, einen Raum oder den ganzen Workshop verlassen – ohne Kommentar, ohne Erklärung, aber bitte mit einer kurzen Info an uns: Einerseits, damit wir sicherstellen können, dass du gut für dich sorgen kannst und was es ev. noch von uns braucht, und zweitens damit wir keine Suchaktion starten.
Davon abgesehen haben unsere Workshops ein gesetztes Framing – du kommst in einen bestehenden Container mit klaren Bedingungen. Einige Regeln sind nicht verhandelbar, wie z.B. Vertraulichkeit, Substanzfreiheit oder wie sexuell ein Raum angelegt ist. Sie schützen den Raum für alle.
Daneben gibt es Fragen der Gruppenkultur, über die wir gerne diskutieren. In längeren Formaten können solche Regeln gemeinsam mit der Gruppe entwickelt werden.
Sexueller Ausdruck & Nacktheit
Wir laden dich ein, Sexualität jenseits gewohnter Skripte zu erforschen – das bedeutet weder, dass alles passiert, noch dass nichts passiert. In manchen Formaten ist Nacktheit Teil des Konzepts und als solche in der Ausschreibung klar ausgewiesen. Es steht dir jederzeit frei, ganz oder teilweise bekleidet dabei zu sein – das wird nie kommentiert und nie bewertet. Facilitator sind nackt, wenn es essentieller Teil eines Erfahrungsraums ist und ansonsten eine Dysbalance zwischen Teilnehmenden und Leitung entstehen würde.
Wie du teilnimmst
Du bist in jedem Moment die oberste Instanz für dein Wohlbefinden. Um deine Autonomie zu wahren, navigieren wir durch drei Stufen der Teilnahme. Der Wechsel ist jederzeit möglich – ohne Rechtfertigung und ohne Konsequenz für deine Zugehörigkeit zur Gruppe.
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Level 1 – Bezeugen: Du bleibst ausserhalb einer Übung und schaust zu. Das respektvolle, präsente Bezeugen ist eine vollwertige Teilnahme. Wichtig dabei: Blick schweifen lassen, nicht in ein Starren auf bestimmte Interaktionen oder Personen abdriften.
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Level 2 – Adaptieren: Du nimmst teil, aber auf deine Art – vielleicht bekleidet, nur Teile einer Übung, oder in einer weniger intensiven Variante. Falls die Verhandlung über eine Adaptation viel Raum einnimmt und die Gruppe ausbremst, bitten wir dich, zunächst in die Zeugenrolle zu wechseln.
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Level 3 – Volle Partizipation: Du bist bei der vorgeschlagenen Aktivität dabei, im Rahmen klar verhandelter Grenzen mit deinen Übungspartner:innen. Ein Wechsel zu Level 1 oder 2 ist jederzeit möglich.
Unsere Räume sind keine Orte, an denen Körper zur Verfügung gestellt werden. Nur bei kürzeren Warmup-Übungen arbeiten wir hin und wieder mit Zufallskonstellationen.
Im Normalfall ist die Wahl deiner Partner:innen aber frei, erst recht bei Übungen mit Nacktheit, Berührung oder intensiven emotionalen Prozessen, ebenso bei Sharings. Eine Ablehnung braucht keine Begründung, und niemand ist bei uns je «kompliziert», wenn sier einen Kontakt ablehnt. Jede Interaktion kann jederzeit ohne Erklärung pausiert oder abgebrochen werden. Wir geben regelmässig Raum zu überprüfen, ob eine aktuelle Konstellation noch stimmig ist.
Menschen, die neu in unseren Workshops sind, empfehlen wir, dem eigenen Bauchgefühl unbedingt zu folgen und nicht in Interaktionen zu gehen, bei denen kein gutes Gefühl da ist.
Fortgeschrittene Teilnehmende ermutigen wir hingegen auch, ihre Aversionen mit Interesse zu beobachten und wo möglich auch zu hinterfragen – daraus kann eine Interaktion entstehen, muss aber nicht. So entstehen inklusivere Räume, die gängige Attraktivitätsmuster überwinden und zu wirklichen Begegnungen führen.

Einzelsessions Sexological Bodywork und Tantramassage: Rahmen & Vereinbarungen
Erstgespräch und Vorbereitung
Vor jeder Erstsession führe ich ein Gespräch mit dir: Ich möchte verstehen, was dich bewegt, was du dir erhoffst und ob mein Angebot für dich passt. Du kannst alle Fragen stellen, die du brauchst. Zur Vorbereitung bitte ich dich, die FAQ zu lesen und dir zu überlegen, was du dir von der Session und von mir erhoffst.
Ich bin kein:e Therapeut:in – meine Arbeit hat einen anderen Fokus, und sie kann therapeutische Begleitung nicht ersetzen. Deshalb arbeite ich nicht mit Menschen in akuten psychischen Krisen ohne therapeutische Anbindung, mit unbehandelten Traumata oder mit Substanz- und Verhaltenssüchten ohne stabile Abstinenz.
Ausserdem biete ich keine Einzelsessions für Menschen an, mit denen ich im Alltag regelmässig zusammentreffe – z.B. in Arbeitskontexten, in sozialen Gruppierungen oder in der Nachbarschaft. Wo Begegnungen ausserhalb unserer professionellen Beziehung unvermeidlich sind, entstehen Rollenkonflikte, die weder dir noch dem Prozess dienen.
Rollenklarheit in Einzelsessions
In Tantrasessions und im Sexological Bodywork geht die Berührung von mir zu dir, es gibt keine gegenseitigen Berührungen. Meine Angebote umfassen keine Penetration oder Oralsex.
Bei Ritual Play ist die Berührung gegenseitig, jedoch unbekleidet und ohne Einbezug des Intimbereichs.
Wechsel zwischen Settings
Intensive Begleitungen und Körperarbeit schaffen eine besondere Nähe und Verletzlichkeit. Die dabei entstehende Verbindung ist zentral für den Prozess, kann aber auch Projektionen und Übertragungen hervorbringen – Gefühle, die dem therapeutischen Prozess entstammen und nicht einer privaten Beziehung.
Um diesen geschützten Raum und die professionelle Integrität zu wahren, gelten für den Übergang folgende Regeln:
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Abkühlphase: Nach Abschluss einer intensiven Begleitung oder eines intensiven Retreats pausieren wir jeglichen privaten Kontakt für mindestens sechs Monate. Dies gibt dem Erlebten Zeit, sich zu setzen und zu klären.
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Vom Einzel zur Gruppe: Zwischen einer intensiven Einzelbegleitung und der Teilnahme an einem meiner Gruppenformate empfehle ich eine Pause von drei Monaten, um den Rollenwechsel zu erleichtern.
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Von der Gruppe zum Einzel: Ein Wechsel von Gruppenangeboten zur Einzelbegleitung ist jederzeit möglich.
Diese Übergangsphasen schützen den entstandenen Raum und die Beziehung, die ihn getragen hat.
Wenn etwas nicht stimmt
Das Farbcode-System (Gelb / Orange / Rot) gilt auch in Einzelsessions – mit einem Unterschied: Es gibt keine Gruppe, die mitbekommt, was passiert. Umso wichtiger ist, dass du dich traust, dein Erleben zu benennen.
Wenn sich etwas nicht stimmig anfühlt, sag es gerne – während der Session, direkt danach oder auch Tage, Monate, Jahre später. «Mir ist nachträglich etwas aufgefallen» ist ein vollkommen valider Einstieg.
Falls du das Gespräch nicht direkt mit mir führen willst oder kannst, steht dir der Weg über die folgenden externen Anlaufstellen offen:
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Förderverein Tantramassage FVTM Schweiz – Branchenverband mit ethischen Richtlinien und Beschwerdemöglichkeit für Vorfälle im Bereich Tantramassage und verwandte Körperarbeit
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Berufsverband für somatisch sexologisch bildende Berufe VssB – Anlaufstelle für Anliegen im Bereich Sexological Bodywork und somatische Bildung
Wenn Brüche entstehen:
Regulate – Reflect – Repair
When harm happens, because it will, the question isn't, ‹Did I fail?› The question is, ‹Am I willing to repair?›
Christabel Mintah-Galloway, The Relational Repair Playbook, S. 7
#MeToo, der Fall Pelicot, die Epstein-Files– immer wieder wird sichtbar, was wir eigentlich längst wissen: Grenzverletzungen sind alles andere als ein Randphänomen. Gerade sexpositive und körperorientierte Räume sind alles andere als immun dagegen – wie die Diskussion um das Bodywork Center Zürich im Herbst 2025 gezeigt hat. Wir wollen nicht nur hinschauen, sondern Werkzeuge entwickeln und anwenden, die etwas verändern.
Vertrauen ist keine statische Eigenschaft – es ist eine lebendige Qualität, die sich in der Art beweist, wie wir mit Unvollkommenheit umgehen. Brüche im Kontakt sind unvermeidlich in Räumen, in denen wir uns wirklich begegnen. Was zählt, ist nicht, ob sie passieren, sondern wie wir damit umgehen.
Consent lernen
Wir kommen als vollständig abhängige Wesen auf die Welt – unfähig, unsere Bedürfnisse anders auszudrücken als durch Schreien. Im Rahmen der Sozialisierung lernen wir uns zwischen Autonomie und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit immer neu zu verorten. Dieses Grundmotiv begleitet uns auch im Erwachsenenleben.
Wir lernen von Kindsbeinen an Strategien, um uns in Umfeldern zu behaupten, in denen wir weniger Macht haben, abhängig sind oder wo wir gefallen wollen: Schweigen, Ausweichen und Aushalten sind häufige Wege, um Grenzverletzungen zu begegnen ohne die Beziehung zu gefährden. Wenn wir es doch tun, werden wir als kompliziert gebrandmarkt oder dafür verurteilt, den Flow zu stören – in sexuellen und romantischen Beziehungen genauso wie in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Diese Muster sitzen tief, weil sie für diejenigen in der überlegenen Position lange funktioniert haben.
Es gibt umfangreiche Literatur und ein wachsendes Angebot an Kursen zu den Grundbegriffen von Consent. Prominentestes Beispiel ist das Wheel of Consent von Betty Martin; in der BDSM-Szene sind Verhandlungen über das, was in einer kommenden Szene passiert, seit langem etablierte Praxis – etwa SSC, RACK und ähnliche Protokolle.
Was viele dieser Angebote gemeinsam haben: Sie enden beim Benennen von Bedürfnissen. Was passiert, wenn trotzdem etwas schiefgeht – wenn Grenzen überschritten werden, wenn Verletzungen entstehen – bleibt oft unbeantwortet.
In unseren Angeboten sind Übungen und Inputs zu Consent integraler Bestandteil. Das Konzept soll nicht nur verstanden, sondern im Idealfall verkörpert werden. Eine zentrale Erfahrung ist, das Unbehagen am Nein zu verlernen und zu erfahren, dass ein ehrliches Nein die Verbindung schützt, statt sie zu zerstören.
Das beginnt beim Wissen um die eigenen Bedürfnisse und führt über Selbstregulation zur echten Co-Regulation – und weiter zu Repair, wenn es nötig wird.
Schwieriges benennen: das Farbcode-System
Wer Fehlverhalten anspricht, ist nicht kompliziert, zickig oder anstrengend: Die Bereitschaft, Unwohlsein anzusprechen, ist im Gegenteil sogar die Grundvoraussetzung dafür, dass Repair überhaupt möglich wird – und sie braucht Mut, besonders in Räumen, in denen Gruppendynamiken und Zugehörigkeit auf dem Spiel stehen.
Damit du dich melden kannst, ohne sofort alles in Worte fassen zu müssen, arbeiten wir mit einem einfachen Farbcode-System – übernommen vom Anti-Abuse Policy-Modell des Karada House Berlin. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, sprich uns jederzeit an und nutze die folgenden Codes.
Gelb – Etwas fühlt sich nicht stimmig an, dein Bauchgefühl meldet sich. Du musst nicht wissen warum. Wir behalten die Situation im Blick, ohne zu urteilen.
Orange – Etwas ist passiert, das sich falsch anfühlt, aber vielleicht noch im Graubereich liegt. Wir werden das Gespräch mit der betreffenden Person suchen und ansprechen, dass ihr Verhalten andere beeinträchtigt.
Rot – Eine klare Grenz- oder Consentverletzung. Die Person verlässt sofort den Raum. Ein Accountability-Prozess folgt in den nächsten Tagen.
In einem dreistündigen Abendworkshop wird sich unsere Intervention meist darauf konzentrieren, die betroffene Person möglichst wieder in einen regulierten Zustand zu führen (vgl. Prozess unten). Der Reflexions- und Repair-Prozess mit und zwischen den Beteiligten wird sich hingegen typischerweise auf den Nachgang zur Veranstaltung verlagern.
In einem mehrtägigen Retreat hingegen gibt es Zeit und Struktur, um Regulation, Reflexion und Repair als echten Prozess zu durchlaufen, ev. auch mit Unterstützung der Gruppe – das ist einer der Gründe, warum intensive Formate ein anderes Potenzial für Tiefe haben, aber auch mehr Fähigkeiten zur Regulation erfordern.
Wenn die Einschätzungen auseinandergehen
Nicht jede Situation ist eindeutig. Es kann sein, dass eine beschuldigte Person die Einschätzung nicht teilt, vor allem nicht im ersten Schock – das ist menschlich.
Unsere Räume sind keine Gerichte. Wir klären keine Schuldfragen und wir sammeln auch keine Beweise. Wenn eine Person uns meldet, dass eine Grenze verletzt wurde, handeln wir – im Zweifel zugunsten der betroffenen Person.
Das bedeutet: Die Facilitation trifft die Entscheidung über Sofortmassnahmen, etwa den Ausschluss aus einer laufenden Übung oder von der Veranstaltung. Diese Entscheidung schützt pragmatisch den Raum - wir treffen keine Aussage darüber, wer recht hat.
Was danach passiert, ist der Regulate-Reflect-Repair-Prozess, den wir auf dieser Seite beschreiben. Er gibt beiden Seiten Raum, ihr Erleben zu schildern, und arbeitet mit der Unterscheidung zwischen Absicht und Auswirkung. Das Ergebnis ist nicht immer Einigkeit – manchmal ist es die klare Vereinbarung, getrennte Wege zu gehen.
Schritt 1: Regulation - Das Nervensystem stabilisieren
Eine Grenzverletzung erzeugt bei der betroffenen Person Stress. Bevor ein klärendes Gespräch stattfinden kann, muss das Nervensystem erst wieder stabilisiert werden. Ein Körper im Überlebensmodus – Kampf, Flucht, Erstarrung, Unterwerfung – hat keinen Zugang zu klarem Denken, Sprache und Handlungsfähigkeit. Erst wenn der präfrontale Kortex wieder online ist, können wir benennen, was passiert ist, und entscheiden, was wir brauchen.
Das bedeutet zuallererst, sich aus der missbräuchlichen Situation zu entfernen. Regulation kann sodann heissen: bewusst atmen, sich bewegen, den Körper bewusst wahrnehmen, an die frische Luft gehen, ein Glas Wasser trinken, einen ruhigen Ort aufsuchen, in Kontakt mit einer Vertrauensperson gehen – alles, was dem Körper signalisiert: die Gefahr ist vorbei.
Unabhängig vom Setting wird unser Fokus in erster Linie darauf liegen, dass die betroffene Person wieder in einen regulierten Zustand kommt. Diese bewusste Pause ist keine Verweigerung des Dialogs, sondern seine Voraussetzung.
Auch die Person, die den Schmerz verursacht hat, gerät oft in Stress, wenn sie damit konfrontiert wird – Scham, Abwehr, Schock. Sie hat ebenso Anspruch auf Regulation, bevor eine konstruktive Klärung möglich ist.
Klärungsgespräche, die aus einem Aktivierungszustand heraus geführt werden, führen selten zu nachhaltigem Repair – sondern oft zu neuen Verletzungen.
Schritt 2: Reflexion - Benennen, was passiert ist
Reflexion bedeutet nicht, die Wahrheit herauszufinden oder zu entscheiden, wer recht hat. Es gibt keine objektive Wahrheit über eine Verletzung – es gibt Erfahrungen, die nebeneinander bestehen und beide real sind.
In der Reflexion hören wir beide Seiten an: die betroffene Person benennt ihren Impact – was sie erlebt hat, was es in ihr ausgelöst hat. Die verursachende Person benennt ihre Absicht – und ist bereit, den Impact anzuerkennen, auch wenn er nicht beabsichtigt war.
«Ich wollte dich nicht verletzen» kann eine absolut wahre Absicht sein. Gleichzeitig bleibt «Es hat mir wehgetan» eine absolut wahre Auswirkung. Beide Realitäten verdienen Anerkennung – ohne dass eine die andere auslöscht. Diese Unterscheidung zwischen Absicht und Auswirkung verhindert, dass sich die verursachende Person hinter guten Absichten verschanzt, und dass die betroffene Person ihre Wahrnehmung rechtfertigen muss.
Was die Reflexion von der verursachenden Person verlangt: Welchen Anteil habe ich? Wo war ich unachtsam? Was war mein Impact, unabhängig von meiner Absicht? Das braucht Ehrlichkeit ohne Selbstgeisselung – radikale Selbstverantwortung, nicht Selbstbestrafung.
Und auch die betroffene Person wird eingeladen, das eigene Erleben zu sortieren: Hat mein Empfinden mit einer alten Verletzung zu tun, die hier berührt wurde? Oder ist es eine Verletzung im konkreten Kontakt im Hier und Jetzt? Beides ist gültig – und beides erfordert eine spezifische Antwort.
Schritt 3: Repair – Wiedergutmachung als aktive Praxis
Repair bedeutet, den Bruch nicht nur zu benennen, sondern konkrete Wege zu suchen, wie Vertrauen wiederhergestellt werden kann. Das setzt Sicherheit und Kapazität von beiden Seiten voraus – wer überwältigt, beschämt oder nicht gehört ist, kann keinen Repair leisten.
Im Repair-Prozess stehen zwei Fragen im Zentrum: Was braucht die verletzte Person, um sich wieder sicher zu fühlen? Und was kann – und will – die verursachende Person konkret leisten? Was dabei nicht zählt: «Ich dachte, die andere Person will das auch.» Oder: «Die andere Person ist zu empfindlich.» Diese Aussagen verweigern Verantwortung für den Impact und machen Repair unmöglich.
Denn darum geht es im Kern: Verantwortung zu übernehmen. Nicht für die Absicht – sondern für die Auswirkung. Das ist die Grundlage, auf der Community entsteht: Menschen, die gemeinsam in einem Raum existieren, auch nach einem Bruch.
Eine Entschuldigung kann ein erster Schritt dorthin sein. Aber Vertrauen wird durch Massnahmen wiederhergestellt – durch sichtbare Verhaltensänderung. Das kann auch bedeuten, dass jemand vorübergehend oder dauerhaft nicht mehr teilnehmen darf – nicht als Bestrafung, sondern als Konsequenz und zum Schutz des Raumes.
Repair ist kein Zwang zur Versöhnung und bedeutet nicht automatisch Vergebung, oder dass eine Beziehung oder Interaktion weitergehen muss. Manchmal ist der ehrlichste Repair die Anerkennung der Verletzung und die Vereinbarung von Distanz. Repair kann niemals erzwungen werden.
Externe Anlaufstellen
Wir arbeiten nicht in einem luftleeren Raum. Accountability endet nicht bei uns – und sie darf es auch nicht. Wenn du eine Grenzverletzung durch die Facilitation erlebst oder das Gefühl hast, dass dein Anliegen nicht gehört wird, gibt es Wege ausserhalb von Onda+Maré:
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Die jeweilige Hostorganisation (Veranstalter:in, Festivalleitung o.ä.) - falls vorhanden
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Die Co-Facilitation - falls vorhanden
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Förderverein Tantramassage FVTM Schweiz – Branchenverband mit ethischen Richtlinien und Beschwerdemöglichkeit für Vorfälle im Bereich Tantramassage und verwandte Körperarbeit
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Berufsverband für somatisch sexologisch bildende Berufe VssB – Anlaufstelle für Anliegen im Bereich Sexological Bodywork und somatische Bildung
Die beiden Organisationen fokussieren zwar mehr auf Einzelsessions. Da es aber für Workshops in diesem Bereich keine mir bekannte geeignete Stelle gibt, kann jede der genannten Stellen kann ein erster Kontaktpunkt sein.
Wir verpflichten uns zu regelmässiger Supervision und Intervision als festen Bestandteil unserer Praxis. Externe Reflexion ist keine Pflichtübung, sondern Notwendigkeit – gerade weil Räume der Intimität eine Machtdynamik haben, die Selbstreflexion allein nicht abfangen kann.
Work in progress
Dieser Leitfaden ist kein fertiges Produkt. Er verändert sich mit unserer Praxis, mit den Erfahrungen unserer Teilnehmenden und mit den Fragen, die dabei entstehen. Perfektion ist nicht das Ziel – Lernfähigkeit schon.
Wenn dir etwas auffällt, das hier fehlt, wenn du eine Situation anders erlebt hast als hier beschrieben, oder wenn du Widersprüche siehst: Sag oder schreib es uns. Feedback ist kein Angriff – es ist genau die Repair-Bereitschaft, die wir auf dieser Seite beschreiben, in der Praxis.