Fühlst du dich gut — oder siehst du nur so aus?
Aktualisiert: 29. Aug.
Über den Male Gaze, das eigene Begehren und die Frage, wer beim Sex eigentlich wem zuschaut.
Ob in der Badi oder in der Intimität: Es gibt diese Momente, in denen ich mich frage, wie mein Gegenüber mich gerade sieht — und kurz aus dem Tritt komme. Ich schaue mir selbst zu, statt zu spüren. Da ist eine Kamera, die irgendwann in meinen Kopf gezogen ist und seither mitläuft.
In Kürze
Male Gaze heisst: Wer schaut, hat die Macht — und irgendwann schauen wir uns selbst so an.
Die Kamera läuft mit. Beim Anziehen, beim Tanzen, beim Sex.
Wer sich mit einem Aussenblick betrachtet, spürt weniger — und genau das Spüren trägt guten Sex.
Zurückholen geht in drei Schritten: spüren, nehmen, sichtbar sein.
Die Kamera, die immer mitläuft
Der Male Gaze (dt. männliche Blick) ist in der aktuellen feministischen Welle zum Schlagwort geworden. Der Begriff ist schon 50 Jahre alt und geht auf die Filmtheoretikerin Laura Mulvey zurück. Er bezeichnet «die Vorstellung, dass Frauen auf der Leinwand als erotische Objekte existieren, während die Männer die Handlung vorantreiben. Die Kamera schaut auf Frauen. Die männlichen Figuren schauen auf Frauen. Und irgendwann lernen Frauen, sich selbst auf dieselbe Weise anzuschauen» (Stout 2025). Der Bechdel-Test aus den 80ern macht diese weibliche Passivität in der Filmwelt zähl- und sichtbar. Er fragt: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?
Das ist doch nur ein Film..!
Die Geschichte ist aber ein Stück länger: Geh durch eine beliebige europäische Innenstadt und schau auf die Denkmäler auf ihren Sockeln. Die Männer stehen im vollen Ornat da und sind historische Persönlichkeiten: Feldherren, Künstler, Politiker. Die Frauen sind in der überwiegenden Mehrheit nackt und stellen Allegorien dar: Gerechtigkeit, Freiheit, Fruchtbarkeit. Männer sind handelnde Personen, Frauen sind verfügbare Körper und abstrakte Ideen.
Fast Forward ins 21. Jahrhundert: Die POV-Kamera im Porno treibt diese Logik ins Extrem: Der Zuschauer empfindet sich selbst als Handelnder, der objektifizierte Frauenkörper ist nichts als Fokus von Blicken, Begehren und Handeln. Und die Sprache spielt mit: Frauenkörper bekommen es gemacht, sie werden gefickt. Die Sprache der weiblichen Lust ist weitgehend passiv.
Was der Male Gaze mit weiblicher Lust macht
Irgendwann zieht der männliche Blick in die Gedanken, Gefühle und Körperwahrnehmung der Gemusterten ein. Man muss uns die Kamera nicht mehr hinhalten, wir tragen sie in uns — beim Anziehen, beim Tanzen, beim Sex. Die Zeit und das Geld fürs Zurechtmachen, Nägel, die lackiert, Haare, die entfernt sein wollen, Kilos, die verloren werden müssen, der Mental Load der ständigen Selbstdarstellung. Wie sieht mein Bauch gerade aus? Bin ich zu dick? Bin ich zu laut? Hängen meine Brüste so? Die Frage «wie fühlt sich das an» steht nicht im Drehbuch.
Fredrickson und Roberts (1997) beschreiben die Folgen dieser chronischen Selbstobjektifizierung: mehr Scham und Angst, weniger Flow, gedämpfte Interozeption — also genau die Fähigkeit, die guten Sex überhaupt trägt. Je mehr ich im Aussen bin, desto mehr geht der Selbstkontakt verloren, der die Brücke zu meinen Bedürfnissen schlägt, zu dem, was ich wünsche und brauche.
Kommt dir das bekannt vor?
Genau hier setzt Re.claim an: ein zweitägiger Workshop für weiblich sozialisierte Menschen, um den Blick von aussen loszulassen und zu fühlen, was von innen kommt. 31. Oktober und 1. November 2026 in Zürich.
Sich dem Male Gaze entsprechend zu verhalten und den Erwartungen gemäss zu performen, ist naheliegend. Performance ist (Überlebens-)Strategie, und darunter liegen allzu oft fortgesetzt erlebte Beschämung, Verletzung, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Umso essentieller ist es, sich dieser Mechanismen bewusst zu werden, um sie aktiv zu durchbrechen.
Re.claim: spüren, nehmen, sichtbar werden
Was gelernt ist, lässt sich auch wieder verlernen. Genau das meint Re.claim: zurückfordern, nicht neu erfinden. Also holen wir es uns zurück. Unsere Selbstbestimmung, unsere Körper, unseren Sex. Wir sind keine Projektionsflächen und niemandes Trophäe. Das ist keine Bitte. Es ist eine Ansage.
Der erste Schritt ist die vielleicht radikalste aller Künste: einfach mal spüren. Ohne Auftrag, ohne Publikum, ohne Deadline. Dissonanzen sind dabei Wegweiser. Erregung, die aus dem eigenen Nervensystem kommt statt aus dem Drehbuch, fühlt sich anders an. Sie ist oft leiser. Und sie gehört dir.
Orgasmen bekommt man nicht. Man nimmt sie sich.
Der zweite Schritt heisst agieren und nehmen. Aktiv, selbstbestimmt, für die eigene Lust und Freude — samt der Kunst, zu erlauben und Grenzen zu setzen. Denn Frust und Verletzung entstehen nicht nur durch Übergriffe. Sie entstehen auch durch Passivität, durch abgegebene Verantwortung, durch das ewige Warten darauf, dass das Gegenüber errät, was wir nie gesagt haben. Emilia Roig hat den Zusammenhang klar benannt: Die Vorstellung von Sex als heterosexueller Penetration ist patriarchal geprägt — und jenseits davon liegen Territorien, die es sich anzueignen lohnt (Roig 2023).
Und die Scham, die dabei hochkommt? Die schauen wir gemeinsam an. Was sich zutiefst persönlich anfühlt, ist eben jene Kamera im Kopf. Im Kreis anderer weiblich sozialisierter Menschen lässt sie sich manchmal leichter ablegen. Und dann kommt der Teil, der nicht mehr nur innen stattfindet.
Sichtbar sein statt angeschaut werden
Der dritte Schritt ist der unbequemste. Angeschaut werden passiert von selbst — sichtbar sein nicht. Das Ziel ist kein neues Leistungsprogramm, sondern ein Gegenbild: Sexualität, die nicht sexy aussieht, sondern sich richtig gut anfühlt. Mit Schweiss, unmöglichen Verrenkungen, Falten und Dellen. Mit Pausen und Lachen und einem Körper, der nicht drapiert wird, sondern lebt. Sex als Raum zum Erforschen, als Funke, der Verbindungen schafft, als Labor.
Re.claim ist ein Angebot, in diesem Feld zu forschen. Wir versprechen keine Erleuchtung, und du verlässt den Raum nicht nach 48 Stunden als neue Version von dir. Was du bekommst, ist Zeit, feine Berührungspraxen, kluge Gesellschaft und somatische Anker für die freie Wildbahn.
Somatic Intimacy Lab 3: Re.claim — für weiblich sozialisierte Menschen.
Samstag/Sonntag, 31. Oktober bis 1. November 2026 · Obere Zäune, 8001 Zürich ·
CHF 420.–, Early Commitment CHF 380.– bis 30. September
Hinweis: Nacktheit und achtsame (Selbst-)Berührung inkl. Genitalien sind möglich — du bestimmst, wie weit du gehen möchtest.
Unsicher, ob das für dich passt? Wer erst schnuppern will: Komm zu Ritual Play am 17. September oder am 20. Oktober, unserem Einsteiger:innenformat — oder buch gerne ein kostenloses Kennenlerngespräch. Wie wir mit Konsens, Rollen und Grenzverletzungen umgehen, findest du auf der Ethik-Seite.
Weiterführende Literatur
Fredrickson, Barbara L. & Roberts, Tomi-Ann (1997): Objectification Theory: Toward Understanding Women’s Lived Experiences and Mental Health Risks. Psychology of Women Quarterly 21(2), 173–206.
Mulvey, Laura (1975): Visual Pleasure and Narrative Cinema. Screen 16(3), 6–18.
Roig, Emilia (2023): Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe. Ullstein, Berlin.
Stout, Emma (2025): TikTok’s «Male Gaze» Vs. «Female Gaze» Makeup Trend, Explained. Bustle, 25. November 2025 (eigene Übersetzung).
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